Home


Termine


News


Projekte


Ensemble


Kontakt
George Tabori, Mutters Courage
George Tabori
Mutters Courage


Szenische Lesung mit Martina Flügge & Ralf Knapp
Einrichtung: Ralf Knapp

PREMIERE AM 14.06.2003
THEATER IM PFERDESTALL, Bremerhaven
(
aus Anlass der Verleihung des Jeanette-Schocken-Preises
der Stadt Bremerhaven an George Tabori)

WIEDERAUFNAHME AM 23.05.2004
BRAUHAUSKELLER, Bremen
(
aus Anlass des 90.Geburtstags von George Tabori)
_________________________________________________________________________


Gert Bastian schreibt in der Nordsee-Zeitung vom 17.06.2003

"Zum Rommee-Spiel deportiert

Die komische Seite des Schreckens:
Taboris Stück "Mutters Courage" hautnah im Pferdestall

Wer nicht da war, dürfte das ... bereuen. Denn der Schauspieler und Regisseur Ralf Knapp ... bot mit diesem Tabori einen großen Abend der kleinen Form (...)

In dieser erzählerischen Konzentration auf zwei Personen bekommt der Text, der ja ohnehin der Novelle (...) näher steht als dem Drama, besondere Dichte und Relevanz. Die Fantasie des Zuhörers wird aktiviert, und Knapp (...) reichert den Text bisweilen zusätzlich mit einer Tonkulisse aus Stimmen und Geräuschen an - das verschafft der szenischen Lesung zusätzlich Atmosphäre."

(...) Die beiden Darsteller sprechen vorzüglich: Mit einer angenehmen Band-breite an Modi und Tempi und ohne falsche Imitation der weiteren Parts ist Ralf Knapp der Sohn, der die Geschichte der Mutter erinnert, auch in ihren intimen Einzelheiten und Übertreibungen.

Martina Flügge ist die Mutter. 'Gut beobachtet, mein Schatz' sagt sie gelegentlich oder korrigiert lakonisch Einzelheiten und Übertreibungen. Und (...) bringt eine genau beobachtende und reflektierende Mimik ins Spiel - auch die hat an diesem Abend viele Farben."

__________________________________________________________________________

Die wahre Hommage!
George Tabori zum 90.

Am 23. Mai 2004 wurde die szenische Lesung von Mutters Courage mit Martina Flügge und Ralf Knapp aus einem denkwürdigen Anlass wieder aufgenommen: tags darauf, am 24. Mai wurde Tabori 90! Mit einer "langen Tabori-Nacht" feierten Bremer Ensemble und Bremer Theater gemeinsam im Brauhauskeller in seinen Geburtstag hinein: Um die szenische Lesung des Bremer Ensembles herum wurde der Autor in Wort und Bild vorgestellt, im Zentrum dabei seine Arbeit als Regisseur in Bremen, das legendäre Theaterlabor, das Tabori Mitte der 70er Jahre im Concordia leitete. Alle waren herzlich eingeladen, den großen alten Mann des Theaters, der sich doch in seiner Arbeit immer wieder als erheblich jünger erweist als so mancher Spätgeborene, zu feiern. Ein wahrhaft denkwürdiger Abend!

Sagt eine Dame zur anderen: Ich war dabei!
Sagt die andere: Ach, du warst das!

Die als lange Tabori-Nacht angelegte Feier kollabierte auf den letzten Metern, als nämlich so gegen zehn vor zwölf auch die letzte Zuschauerin ging. Vom Bremer Theater fälschlicher um 22.30 Uhr angekündigt, war das Desaster schon vorauszusehen: Wer bitte soll Sonntag nacht den Hintern hochkriegen, um mit - nicht einmal anwesenden - alten Männern in ihren Geburtstag hineinzufeiern?

Aber wer dabei war, hat einen bemerkenswerten Abend erlebt. In einer echten Ko-Produktion von Bremer Ensemble und Bremer Theater haben wir, wie es so unsere Art ist, schön Mutters Courage gelesen; Mike Romberg und Monika Scherer vom Bremer Theater haben die Radio-Bremen-Archive geplündert und 25 Jahre alte Fernsehreportagen über Taboris Bremer Theaterarbeit ausgebuddelt – die ebenso in den Verlauf des Abends eingestreut wurden wie so manches aufschlussreiche Interview mit den Schauspielern von anno dunnemals – sinnigerweise zum Vortrag gebracht von Schauspielern des Bremer Theaters heute: Henriette Cejpek, Fritz Fenne und Hermann Book.

Verglichen mit dem lieb-, weil völlig zusammenhanglosen Bericht, den der Weser-Kurier tags darauf dem 90. Geburtstag des Autors widmete und in dem Taboris Bremer Theaterarbeit nicht weiter berichtenswert erschien („Ja, in Bremen hat er auch mal gearbeitet...“), war dieser Abend im Brauhauskeller die wahre Bremer Hommage an den Autor und Theatermacher: Aus der ganz persönlichen Perspektive einer Stadt, die ihm einige der aufregendsten Theaterereignisse ihrer Geschichte zu verdanken hat, erinnerte man sich an die unmittelbare Beziehung, die man für die nicht allzu lange, aber intensive und noch heute nachklingende Zeit seines Theaterlabors zu ihm, mit ihm hatte.


Kleine Bemerkung am Rande: eine Kulturredaktion, die es versäumt, solche Zusammenhänge herzustellen, stellt sich selbst ein ziemliches Armutszeugnis aus: Bezüge zur Tradition, zur Geschichte der eigenen Stadt, gerade dort, wo so aufregende Kapitel deutscher Theaterarbeit berührt werden. Überhaupt: sich als Vermittler zu denken: zwischen konservativ und modern, rechts und links, nach vorn und zurück, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Kultur ist nicht zuletzt ein historisches Bewusstsein. Wo diese Einsicht nicht mehr existiert, geht der letzte Rest von Kulturverständnis flöten. Kein Wunder, dass sich das kollektive kulturelle Gedächtnis dieser Stadt allmählich völlig auf die Bremer Stadtmusikanten zu reduzieren scheint!

Wenn dieser Diskurs einer Art flächendeckendem Alzheimer anheim fällt, kann eine Stadt keine unverwechselbare Identität mehr entwickeln. Denn das Gesicht unserer Städte ist nicht zuletzt davon abhängig, was hinter diesem Gesicht gedacht, diskutiert, vor allem: erinnert und lebendig gehalten wird. Die Geschichtslosigkeit von heute ist die Gesichtslosigkeit unserer Städte von morgen!


TOP

„Immer spielt ihr und scherzt? ihr müsst! o Freunde!

mir geht dies in die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur.

Friedrich Hölderlin
__________________________________________________________________________________________________________________________


Im März 1944 wird Ungarn von der deutschen Wehrmacht besetzt. Sofort beginnen die Judendeportationen. Auch die jüdische Familie Tabori steht auf der Todesliste der Nazis. Der Vater Cornelius wird schon bald verhaftet und wenig später in Auschwitz ermordet, die Söhne George und Paul können sich ins Londoner Exil retten.

Die Mutter Elsa überlebt mit viel Glück und Mut. Ihre Geschichte erzählt ihr Sohn George in Mutters Courage: Elsa wird auf dem Weg zu ihrer wöchentlichen Rommé-Runde von zwei trotteligen Hilfspolizisten verhaftet und mit 4000 anderen Juden in einen Viehwaggon verfrachtet. Am sogenannten "Tor des Himmels", einem kleinen Ort an der Grenze, müssen sie auf einen anderen Zug warten, der sie nach Auschwitz bringen soll. Mit dem Mut der Verzweiflung überwindet Elsa ihre Angst und ihre Obrigkeitsgläubigkeit und geht auf die Schergen zu. Und es geschieht ein Wunder: Ein deutscher Offizier lässt sie nach Budapest zurückkehren. Zu Hause warten Elsas Verwandten mit dem Kartenspiel und beschweren sich über ihre Verspätung.


Aus der Geschichte der „verunglückten“ Deportation seiner Mutter macht Tabori ein kleines Meisterwerk, das mit seiner Absurdität, seinem skurrilen Humor inmitten des Grauens lange im Gedächtnis haften bleibt. Wie in einem Mikrokosmos wird im Einzelschicksal die allgemeine Katastrophe antithetisch abgebildet: Die eine Gerettete lässt den Schmerz über die viertausend, die sechs Millionen nicht Gerettete erst richtig entstehen.

Martina Flügge & Ralf Knapp in "Mutters Courage"